Was für eine Zeit!

Die Sozialisation des 50plus-Manns

50plus-Momente - Aufstehn - BOTS
50plus-Momente – Aufstehn – BOTS

Einige meiner jüngeren Lehrer an der Schule waren idealtypisch für die, die 68er genannt werden (heute, oft verächtlich, Alt-68er).
Die 68er hatten alles in Frage gestellt und in faszinierender Inkonsequenz sich den Notwendigkeiten des Lebens angepasst. Daneben unsere älteren Lehrer. Die, die die 50, manche schon die 60 überschritten und so ihre Sozialisation während der Nazi-Zeit „erlitten“ hatten.

Wikipedia beschreibt Sozialisation so: „Sozialisation ist … die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster durch Internalisation (Verinnerlichung) von sozialen Normen. Sozialisation ist ein sozialwissenschaftlicher Begriff. Er bezeichnet zum einen die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen, materiellen und sozialen Umwelt, zum anderen die sozialen Bindungen von Individuen, die sich im Zuge sozialisatorischer Beziehungen konstituieren.“

Was bedeutet, dass diese älteren Lehrer, auch wenn sie sich bewusst und aktiv davon distanzierten, geprägt waren von den Werten und den Denkweisen der 20er, 30er und 40er-Jahren.
Ebenso wurden die 68er im Nachkriegsdeutschland sozialisiert, dem revolutionären Gedankengut und dem Schrei nach Freiheit.
Unsere Generation der heutigen 50plus lernte also noch beides kennen. Und wuchs in einer sehr bewegten Zeit auf. Als Kinder lernten wir, dass es möglich sein kann, dass neben der CDU auch mal die SPD regieren darf. Allerdings konnten die wenigsten von uns, aufgrund unseren jungen Alters und der damit verbundenen politischen Un-Reife, damals erkennen, mit welcher Wucht die Wahl Willy Brandts die Demokratie gestärkt und in seiner kurzen Amtszeit die (bundesdeutsche) Welt verändert hat.

Werbung

Ohne Zweifel lebten wir aber in einer Phase, in der sich das gesellschaftliche Leben stark veränderte.
Je älter wir wurden, hörten wir nicht nur Udo Lindenberg oder lernten, wie sich „Schwedinnen in Oberbayern“ verhalten. Wir genossen auch Klimbim von Regisseur Michael Pfleghar, der verruchten Elisabeth Volkmann und der sexy Ingrid Steeger, die mit frechen und schlüpfrigen Sendungen die deutschen Fernsehunterhaltung revolutionierten. Alles wurde freier. Inspiriert von der von Hippies oder der Kommune 1 propagierten sexuellen Revolution, begünstigt durch die Anti-Baby-Pille und zuschauerwirksam genutzt von den Medien, übernahmen in den 70ern selbst biedere Bewohner von eichenholzbeschrankwandeten Wohnungen eine sexuelle Lockerheit, die bis dahin als unmoralisch galt und nur im Verborgenen gelebt wurde.
In den Achtzigern (also genau in der Zeit, in der wir gerne diese Freiheiten genossen hätten) fand dies mit dem weltweiten Aufkommen von AIDS ein jähes Ende.

Der graue Alltag in übervollen Klassenzimmern

Trotz Willy Brandt und den persönlichen Freiheiten lebte aber die Mehrzahl der Bevölkerung nach wie vor bieder, spießig und konservativ. Und so bestand für die meisten kleinbürgerlichen Kinder der eher graue Alltag aus übervollen Klassenzimmern (Babyboomer!), dem „Jungen mit der Mundharmonika“ von Bernd Clüver in der ZDF-Hitparade, Einkaufen bei Konsum oder in den letzten Tante Emma-Läden – und dem Mitfahren in viel zu engen Autos, wie Opel Kadett, Ford Taunus oder VW Käfer, in die uns unsere Eltern zwängten. Auch der Reichtum, der die Bundesrepublik in den 80ern ereilte, war in den 70er noch lange nicht so stark ausgeprägt.

Werbung

Das war sie also: Unsere Sozialisation als Kinder

Doch auch wir hatten unsere Themen – und die haben bis heute Einfluss auf das, was bis heute Einfluss auf unsere Gesellschaft und das Leben unserer Kinder.

Die Jugend war bewegt

Als wir älter, jugendlicher wurden und unsere Welt nicht mehr mit Kinderaugen sahen, war für mich persönlich zum einen das aufkeimende Umweltbewusstsein, insbesondere angeregt durch die Anti-AKW-Bewegung, zum anderen aber die Friedensbewegung prägend. Aufgeschreckt durch den Nachrüstungsdoppelbeschluss der NATO und der geplanten Stationierung von (weiteren?) Atom-Raketen namens Pershing II und Cruise Missiles in Deutschland regte sich massenhafter Widerstand.

Kalter Krieg und Rüstungswahnsinn

Wir befanden uns noch immer im „Kalten Krieg“ zwischen den beiden großen Blöcken der NATO (USA und ihre Verbündeten) auf der einen und des Warschauer Pakts (die Sowjetunion und ihre Verbündeten) auf der anderen Seite. Es war ein permanentes Säbelrasseln und jede neue Aufrüstung der einen erzeugte auf der anderen Seite eine entsprechende Reaktion. In dem Fall hatte der Warschauer Pakt, offiziell um sich vor den Aggressoren aus dem Westen zu schützen, neue Atomraketen (SS 20) in Stellung gebracht. Im Gegenzug musste sich der Westen vor den aggressiven Kommunisten schützen und beschloss die bereits genannte Nachrüstung. Es war ein irrsinniger Rüstungswettlauf, eine Rüstungsspirale, die sich immer schneller und immer wahnwitziger drehte.

Viele waren besorgt und hochpolitisiert. Die Stuttgarter Zeitung berichtete über diese Zeit: „Auch Stuttgart war vom atomaren Säbelrasseln der Supermächte betroffen, ist doch ein US-Oberkommando in Vaihingen und wurden auch vor der Haustür Pershing-II-Raketen stationiert – in Mutlangen, wo es wie vor den Patch Barracks in Vaihingen zu friedlichen Blockaden kam, die einen Massenprozess wegen Nötigung nach sich zogen. Die bürgerliche Presse distanzierte sich damals mit Anführungszeichen von der „Friedensbewegung“, doch im Herbst 1983 mussten auch die Konservativen registrieren, dass es sich um keine kommunistisch unterwanderte Gruppe von Spinnern handelte. Am 22. Oktober kam es zur größten Friedenskundgebung, die Stuttgart je gesehen hat. Allein auf dem Schlossplatz versammelten sich 100.000 Pazifisten, in der gesamten Innenstadt sprach man von 300.000 Demonstranten.
Quelle https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.von-zeit-zu-zeit-die-80er-jahre-in-stuttgart-als-die-welt-beinahe-untergegangen-waere.df83d70a-db64-440b-b641-af953d624787.html

Einen lesenswerten Artikel zur „Proteststadt Stuttgart“ gibt es auch bei der Wochenzeitung Kontext: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/350/proteststadt-stuttgart-4785.html

Es waren Demonstrationen, die Deutschland in dieser Macht und Wucht nicht gesehen hatte. Auch in Bonn, am Sitz von Regierung und Parlament gab es eine riesige Kundgebung mit über 300.000 Teilnehmenden.
Ich selbst war Teil der Demo in Stuttgart und, was noch beeindruckender war, auch Teil der Menschenkette, bei sich eine geschlossene Kette aus Menschen bildete, die sich jeweils an den Händen hielten, 108 Kilometer lang entlang der B10 von Stuttgart nach Neu-Ulm (Bayern) reichte, um gegen den Rüstungswahnsinn zu protestieren. An dieser Kette nahmen zwischen 200.000 und 400.000 Menschen teil (die Schätzungen der Polizei, der Medien und der Veranstaltung wichen voneinander ab).

Fahrrad-Demo, Menschenkette und Friedensdemo


Da aber die bundesdeutsche Regierung und das bundesdeutsche Parlament gar nicht anders durfte, als der Nachrüstung zuzustimmen, wurde die Stationierung der Atomwaffen vollzogen. Rückblickend könnte das Zusammenbrechen des Ostblocks tatsächlich mit dem Wettrüsten zusammenhängen, da dieser Rüstungswahnsinn Unsummen verschlag, der die Volkswirtschaften des „real existierenden Sozialismus“ stark belastete und ihnen so jede Handlungsfähigkeit nahm. So zumindest eine von vielen Interpretationen, warum zuerst die DDR – und nach dem Vasallenstaat später auch die Sowjetunion zusammenbrach. Eine weitere Folge des Doppelbeschlusses war das Auseinanderbrechen der sozialliberalen Koalition, da die SPD in weiten Teilen nicht mehr dem SPD-Bundeskanzler folgen wollte, der zwar zackig seine hanseatischen Kommissstiefel zusammenknallte, aber das Fremdgehen der FDP zur CDU/CSU nicht verhindern konnte. Schon damals zeigte die FDP eine erstaunliche Flexibilität innerhalb kürzester Zeit nicht nur Personal auszutauschen, sondern auch politische Grundüberzeugungen zum Schafott zu führen.

Die Musik zur bewegten Zeit

Die Menschenkette, die Friedensdemo, eine Fahrraddemo (ebenfalls zum Stuttgarter Schlossplatz) und weitere Veranstaltungen dieser Art waren meist begleitet von einem Großaufgebot von Polizisten, aber auch von vielen Künstlern und angesagten Bands und hatten oft einen wahren Volksfestcharakter. Gerade die angesagten Bands dieser Zeit haben mich mit ihren Songs und ihren Texten stark beeinflusst, weil sie Emotionen wecken konnten, die sowohl mobilisierten, aber auch einen sehr friedfertigen und vereinenden Charakter hatten. Das unterschied uns damals sicher von den Helden früherer Generationen, die noch dem Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ von Ton, Steine, Scherben (mit dem wunderbaren Rio Reiser) huldigten.

Werbung

Die Band-Helden in meinem ganz persönlichen Umfeld hießen Cochise oder auch die niederländische Band BOTS, die mit einer Coverversion des Georg Danzer-Songs „Aufsteh’n“ den Zeitgeist wunderbar zum Ausdruck brachte.

So heißt es im Georg Danzers-Text (in der Version von BOTS):
… Alle Frauen, die nicht auf zu Männern schauen, soll‘n aufsteh’n
Alle Lohnempfänger, die den Bund nicht länger enger schnall’n, soll’n aufsteh’n
Alle Schwulen, die nicht um Toiletten buhlen, soll‘n aufsteh’n
Alle Alten, die sich nicht für ihre Falten schämen, soll‘n aufsteh’n
Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, soll‘n aufsteh’n
Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, soll‘n aufsteh’n …

In unserem heutigen wohlstandsverwöhnten Alltag, in dem für viele das einzige Problem ist, wem der Bachelor die nächste Rose schenkt, wer als nächstes aus dem Dschungelcamp fliegt und ob das Streaming bei Netflix funktioniert, mögen solche Texte skurril erscheinen. Für mich (und für viele von uns) war es eine Hymne und hat meine Grundeinstellungen bis heute beeinflusst, womit wir wieder bei der oben beschriebenen Sozialisation wären.

Weitere Künstler, Bands, die damals unsere Gedanken in Musik wandelten, waren zum Beispiel Wolfgang Niedeckens BAP, Wolf Maahn und die Deserteure – sowie Liedermacher wie Georg Danzer oder Konstantin Wecker. Daneben spielten für mich aufgrund meiner württembergisch-schwäbischen Herkunft noch Thomas Felder, Wolle Kriwanek oder die genialen Schwoißfuaß (mit Alex Köberlein) eine große Rolle.

Wer war für Euch prägend?


Welche Musik hat Euch beeinflusst?
Wo habt Ihr Euch in meinem Text wiedererkannt – und welche Dinge waren bei Euch komplett anders?

Schreibt, kommentiert, diskutiert – ich freue mich auf Reaktionen!

Werbung

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar