Musiktipp: “Jokers“ von Vincent Peirani

Erwarte das Unerwartete – oder: Grenzgänge, die Spaß machen

In seinem aktuellen Album Jokers verbindet Vincent Peirani Rock, Pop, World Music und Jazz. Was sich kompliziert anhört, ist schlicht gute Musik zum Eintauchen oder Abheben. Die musikalische Offenheit begeistert und ist dem 50plus-Mann eine Empfehlung wert. Und das, obwohl Vincent Peiranis Instrument das Akkordeon ist.

Vincent Peirani Trio © Stanislas Augris
Vincent Peirani Trio © Stanislas Augris

Akkordeon? Oh nein, bitte nicht.

Spontan mag mir das Wort „Hilfe“ über die Lippen kommen. Erinnerungen werden wach an dröge Familienfeiern, bei denen die ach so talentierten Cousinen und Cousins musikalische Vorträge auf ihrem Schifferklavier zelebrierten, die mich dem Einschlafen nahebrachten. Denn obwohl die selbstbewussten musikalischen Überflieger stets versuchten, anspruchsvolle Werke der Musikliteratur darzubieten – und dies zumeist fehlerfrei eingeübt hatten- so erinnerte mich der Klang eher an Hausmannskost als an Sterneküche oder Nouvelle Cuisine. Das Instrument war für mich als ernstzunehmendes Instrument erst mal verbrannt.

Der Akkordeon-Selbstversuch

Wiederentdeckt habe ich das Akkordeon Anfang der neunziger Jahre als Unplugged zur Modeerscheinung wurden und unter anderem Eddy Brickell, Tom Petty oder die Travelling Wilburys akustische Instrumente wieder in ihre Musik integrierten. Die Geige (oder Fidel) oder die Ziehharmonika inkl. des Akkordeons wurden wie selbstverständlich Teil der populären Musik. Auch meine damalige Band griff den Sound auf, spielt mit akustischen Gitarren und ergänzte diese mit country-mäßigen Geigeneinwürfen. Dabei versuchte ich mich zum ersten Mal an diesem von mir davor so verachteten Instrument des Akkordeons, um die Aufnahmen stilgerecht zu ergänzen (allerdings war ich weit davon entfernt, das Instrument auch nur im Ansatz zu beherrschen). Das besondere am Instrument ist, dass beim Zug oder Druck nicht nur einzelne Töne sondern ganze, voreingestellte Akkorde abgerufen werden können. Die Unplugged-Welle verschwand jedoch recht schnell und damit auch das Instrument aus meinem Bewusstsein – mal abgesehen von Hubert von Goisern oder den französischen Liedern, die einen ganz eigenen Charme mit dem Instrument versprühen.

Vincent Peirani & Michael Wollny: Ein Konzerterlebnis voller Intensität

Vor einigen Jahren durfte ich für die Kulturredaktion einer Tageszeitung von einem Konzert des deutschen Jazzpianisten Michael Wollny berichten, der zusammen mit Vincent Peirani, einem französischen Akkordeonisten, auftrat. Vom Konzert an sich blieb mir vor allem Vincent Peirani in Erinnerung, der mit seinem Akkordeon das oft akademisch anmutende Spiel von Wollny nicht nur mit einem warmen Sound ergänzte, sondern auch eine enorme Intensität beisteuerte.

Ein flotter Dreier – aber keine klassische Triobesetzung

Deshalb wurde ich hellhörig als ich erfuhr, dass es ein neues Album von Vincent Peirani gab. Zusammen mit dem italienischen Gitarristen Federico Casagrande und dem israelischen Drummer Ziv Ravitz hat Peirani ein Album eingespielt, das begeistert. Die beiden Mitmusiker verfügen, wie Peirani, neben ihrem starken Jazz-Background, über einen weiten musikalischen Horizont und ein besonderes Faible für Rock und elektronische Musik.

Vincent Peirani Trio
Vincent Peirani Trio 3 © Stanislas Augris

„Jokers“ von Vincent Peirani wagt den Grenzgang

Mit „Jokers“ wird das Akkordeonspiel neu erfunden und mit den Möglichkeiten elektronischer Klänge experimentiert. Dabei wagt Peirani den Grenzgang zwischen verschiedenen musikalischen Genres.

So beginnt „Jokers“ mit „This is the New Shit“, ein Remake eines Stücks der amerikanischen Metal-Band Marilyn Manson. Dabei gibt es keinen Ausbruch roher musikalischer Energie, aber einen atemberaubenden Einstieg in das Album voller Intensität, womit das Tor für die folgenden Stücke geöffnet wird. Im Kern der Musik steht die Interaktion. Die drei Musiker hören einander intensiv zu, kommunizieren und erwecken so das musikalische Ausgangsmaterial zum Leben. Besonders schön wird das bei Les Larmes de Syr (die Tränen der Sýr) deutlich, wo Drummer Ziv Ravitz viel Freiheit zur Entfaltung bekommt ohne das harmonische Miteinander zu stören.

Vincent Peirani erzeugt mit Jokers wechselnde Bilder vor dem musikalischen Auge

So wandeln die Musiker auf verschlungenen Pfaden, die erst im Moment des Zusammenspiels entstehen und sich immer wieder neu verzweigen. Das atemberaubende „Copy of A“, ursprünglich von Nine Inch Nails, einer von Peiranis Lieblingsbands, beschwört den grotesken Vibe einer außerirdischen Karnevalsparade. „Jokers“ lässt immer neue Bilder und Räume entstehen. Peiranis Akkordeon wird zu einer Kameralinse in der sich die Motive, die es erfasst, wie in einem Kaleidoskop brechen. “Twilight“ (Dämmerung) zeigt den Übergang der Nacht zum Tag und des Tags zur Nacht und lässt musikalisch die Wandlung der Lichtverhältnisse vor den Augen der Hörer geschehen. Das Album schließt mit der nachdenklich-melancholischen, sizilianischen Weise „Ninna Nanna“, die auch auf dem Album Sicilien des französisch-sizilianischen Opernsängers Roberto Alagna zu hören ist. Wer die beiden Versionen gegenüberstellt, dem wird mit diesem Wiegenlied nochmals die Stärke von „Jokers“ vor Augen geführt.

Cover Album Jokers by Vincent Peirani

Vincent Peirani “Jokers” mit Federico Casagrande, Ziv Ravitz
Label: Act Music
Veröffentlichung am 25.3.2022 auf CD, LP & digital

Die musikalische Offenheit begeistert. Eine klare Empfehlung!

Auch wenn das Album beim Jazzlabel ACT erschienen ist, werden Jazzpuristen enttäuscht sein. Zu weit entfernt sich an vielen Stellen das Album vom Jazz, der in Rhythmik und Improvisation am ehesten bei Circus of Light durchklingt. Vielmehr verbindet „Jokers“ Rock, Pop, World Music – oder schlicht gute Musik wahlweise zum Eintauchen oder Abheben. Gerade die musikalische Offenheit, das Überschreiten von Grenzen und das Verschmelzen von musikalischen Stilrichtungen begeistert und führt zu einem Hörgenuss.

Für den 50plus-Mann ist Jokers von Vincent Peirani eine klare Empfehlung für alle Musikfans, die entdeckungsfreudig und neugierig sind.

Vincent-Peirani-Trio ©-Stanislas-Augris
Vincent-Peirani-Trio ©-Stanislas-Augris


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